die vertrautheit der bilder

Wer sich auf die Wirkung von Jusha Muellers Bildern einlässt, indem er sich einlässt auf das, was er hier in aller Bewusstheit sieht, kann sich durch diese Gebilde in eine Ebene der Wahrnehmung führen lassen, in der die Zeichen nicht fremden Sinn verbergen, sondern den Sinn wecken für bildliches Wirken, für ein bildliches Sehen selbst. Das Spiel der weiten Farbräume, der großen Linien und kleinteiligen Zeichen muss nicht in phantastische Ferne führen, sondern kann ein Wegstück sein bei der Entdeckung der bildlichen Wirklichkeit unserer Welt.

Noch immer wirken beim Betrachten von Kunst alte Anschauungsreflexe und Gewohnheiten des Wiedererkennens, die sich außerhalb der Kunst scheinbar mit jedem Blick bestätigen. Noch immer werden Bilder auf ihre gegenständliche Einheit angesehen, so wie auch Zeichen stets nur genommen werden als ein Hinweis auf einen bestimmten Sinn, auf eine festgelegte Bedeutung.

Jusha Muellers Gebilde halten beides offen. So ergibt sich auch für die Betrachtung ein immer wieder offenes Spiel. Doch die Bestimmtheit der einzelnen Gestaltung weckt die Erwartung auf bestimmten Sinn. Diese Erwartungen aber sind es sonst, die das gesehene zum Rätsel machen: kleine Gestalten und Gestaltgruppen werden unter der Erwartung, es gelte etwas zu lesen, erst im Bewusstsein des Betrachters zu Zeichen, Buchstaben und Text. Damit aber wird der Text, das Zeichen unlesbar, der Sinn verschließt sich gerade dem lesenden Blick. Jusha Mueller hebt dagegen den Zwang zu lesen auf.

Prof. Dr. phil. Michael Bockemühl †
Professor für Kunstwissenschaft, Ästhetik und Kunstvermittlung, Universität Witten-Herdecke

 

die metaphysik der präsenz

Das Geheimnis der künstlerischen Arbeiten von Jusha Mueller liegt in der metaphysischen Präsenz ihrer Bildinhalte. Ihre Motive findet die Künstlerin nicht in der gegenständlichen Wirklichkeit, die einen Blick nach außen fordert, ihr genuiner Blick richtet sich vielmehr nach innen. Es ist dieses „Etwas“, das hinter der sichtbaren Realität ein unsichtbares paralleles Leben führt, und das sie mit ihren spezifischen Farben und Strukturen zum Leuchten bringt. Dabei gelingt es ihr, mit Farbe, Linie, Form und Rhythmus eine starke Präsenz von bildlichen Situationen zu kreieren, visuellen Ausdruck für das Undarstellbare zu finden.

Und so dominieren drei immaterielle Motive in ihren Bildern: der Raum, als ein Existential des Menschen, das Licht in seinen unzähligen Facetten, das sich im unbegrenzten Raum bewegt, und die Zeit, die unsichtbar, aber für alle spürbar, vergeht. Und da das Licht sich stetig verändert, hält sie den Verlauf der Zeit wie ein Seismograf in Form von rhythmischen Pinselstrichen fest.

Mit der Technik und Rhythmik dieser Pinselstriche von unterschiedlicher Länge und Dichte, die in unregelmäßigem Takt neben und untereinander gereiht sind und ganze Bildräume füllen, gelingt es der Künstlerin auf geniale Weise, das objektive wie auch das subjektive Vergehen der Zeit zu visualisieren. Die Rhythmik der unregelmäßig angeordneten Strichfolgen und die häufig gleichfarbenen Tonigkeiten der Striche, in feinsten, kaum sichtbaren Abstufungen, loten das Licht in der Farbe aus, machen es sichtbar. In den meisten Arbeiten nehmen diese oft hauchdünnen Stäbe, die in einer unterschiedlichen Bewegung über die Bildfläche fließen, das Kolorit der Hintergrundfarbe auf, ab und zu wird diese jedoch durch einen kontrastfarbenen Akzent unterbrochen.

Ihr Kolorit ist nie statisch monochrom. Es kommt vielmehr als eine bewegte Substanz auf uns zu, die ihr ureigenes Licht in einem Bildraum ausstrahlt, der uns unbegrenzt erscheint. Die Zeichen, die aus der Raumtiefe auftauchen, tragen vielleicht eine Geschichte in sich, vielleicht sprechen sie auch nur von der Unermesslichkeit des Lebens und der Dinge.

Gudrun Bouchard
Kunsthistorikerin und Kuratorin am Goetheinstitut München

 

strichsequenzen, farbfrequenzen

Die körperlich erfahrbare Wirklichkeit der Farben muss Ausgangspunkt aller Überlegungen zu Jusha Muellers Arbeiten sein. Das Erleben von Farben und Licht, ihre Intensität oder Verschattung, ihre Nuancierung, Durchdringung und Prägnanz, sowie das Orchester der Übergänge sind in Jusha Muellers Arbeiten körperlich wirkende Eindrücke.

Das Registrieren eigener Resonanzeffekte und selbst in die erfahrene Farbwirklichkeit einzugreifen, eigene Experimente zu starten und sich damit einen sehr persönlichen Resonanzraum selbst zu eröffnen gehört selbstverständlich mit zu dem
Forschungsprojekt, in das die Künstlerin den Betrachter stellt.

Jusha Mueller selbst formuliert die beiden Pole ihrer künstlerischer Arbeit – inneres Erleben und praktisches Tun – so: „Da die inneren Farben und Bilder unstet sind, sich ständig wandeln, nenne ich sie Gelichter. Gelichter kommt und geht wie es ihm gefällt und nicht immer ist danach die Ordnung die gleiche, die sie einmal war.“ Und: „Hinter Farbe, Form und Zeichen versteckt sich Tragwerk. Auch Farbe und Form braucht Stütze, Aufbau und Gerüst, braucht Grund, Halt und Ankerung – nicht nur im Sichtbaren.“

Doch für die praktische Ausführung, für die Übertragung auf eine viele Quadratmeter große Fläche, muss handwerkliches Knowhow dazukommen: man muss es gelernt haben, um hier nicht den Überblick zu verlieren. Jusha Mueller erlebt es als „Tanz auf dem Bild“ – mit einem zwei Meter langen Pinsel als Partner. Und dann ist da noch ein ganz besonderes Erlebnis: die Farbfläche ist beim Arbeiten kein Gegenüber mehr, es geht um ein gestaltendes Eintauchen in die Farben mit dem eigenen bewegten Körper.

Tuned lights heißt eine Gruppe von Bildern, die sich aus einer Performance mit einem Klangkünstler entwickelt hat. Die Umsetzung des Malvorganges in Töne und die Rück- kopplung zum Malprozeß durch das Hören und Verarbeiten der akustischen Anregung ergibt eine merkwürdige Verdoppelung des Malaktes und zugleich eine zeitliche Verschiebung des Impulses. Ein zweiter Ansatzpunkt ist die bewusste Bearbeitung und Überarbeitung eines Bildes in mehreren Phasen. Es ist ein komplexes doppeltes
Spannungsverhältnis aus konkreter raum/zeitlicher Erfahrung und ihrem inneren Bild einerseits und der Konfrontation des darin Entstandenen mit der Wiederholung der Ausgangssituation andererseits.

Gisela Geiger
Kuratorin und Leiterin des Stadtmuseums Penzberg

 

konkrete linien

Zum Glück lebt das zeitgenössische Kunstgeschehen in seinen wirklich spannenden Entwicklungen nicht nur vom Mainstream, also von dem, was gerade angesagt ist durch die nicht immer kreative Allianz von trendsetzenden Galeristen, großen Sammlern und domi-nanten Museumsleuten. Da der interessierte Kunstfreund unweigerlich auf solche Künstler und ihre Werke trifft, die diese Trends bedienen, freut er sich ganz besonders, wenn er abseits der sogenannten Blockbuster des Kunstmarktes noch aufregende Kunst entdecken kann.

Das ist auf bemerkenswerte Weise der Fall bei der Wahrnehmung der Werke von Jusha Mueller. Der Verweis auf die Konkrete Malerei markiert das Phänomen, dass Jusha Muellers künstlerisches Anliegen weit über abstrakte Malerei als solche hinaus geht und eher von der Begriffsfindung von Theo von Doesburg von 1924 über Konkrete Malerei bezeichnet werden kann: “nichts ist konkreter, wirklicher, als eine Linie, eine Farbe, eine Oberfläche“ und in Jusha Muellers Werken eine kongeniale Fortsetzung findet. In 70 Ausstellungen und über 25 Kunst-am-Bau-Installationen hat sie sich dem Exerzitium unterworfen eine “unmittelbare Korrespondenz“ des Betrachters zu ihren Werken herzustellen, wie sie dies selber formuliert, in dem klar reflektierten Ausspruch “es geht um zeit und licht, um das licht eines ortes das ein licht in mir erzeugt“.

Es sind die einen Großteil ihrer Arbeiten prägenden und wiederkehrenden, in Pigment, Kreide oder Blei aufgetragenen reliefierten Zeichenbänder und Linien-Netzwerke, die über die Malfläche eine zweite graphische Darstellungsebene legen und wie die Tickerkürzel eines Telegraphen den Zeitverlauf thematisieren: einfrieren oder in ewige Bewegung versetzen. Wie sie ihre Piktogramme als Strichfolgen einer hellsichtigen, künstlerischen Blindenschrift plastisch in die geraden und schiefen Rechtecke der Farbtafeln integriert, wie Farbsilhouetten als Beobachtung und dann Darstellung der Farbe von Schatten von der Künstlerin gefunden werden – in diesen durch überdeckende Strichcode-Partituren strukturierten Farbleinwände verlässt Jusha Mueller die landläufige Realität, um ihre eigene zu manifestieren und in ihrer Beschreibung dem Betrachter ihrer Werke diese neue Realität zu eröffnen.

Im Umgang von Jusha Mueller mit der Tafelmalerei als einer plastischen Setzung blättert sie die Bandbreite der Farben in immer wieder neu formulierten länglichen, verzogenen Rechtecken und Quadraten in so dynamisch kombinierte Wand- oder Raumkompositionen auf, dass der Schritt von der Tafelmalerei zur Kunst-am-Bau-Installation geradezu zwangsläufig ist.

Der sehr präzis kalkulierte Dialog, der zwischen der Flut von Rechteckformen von Fassade und Innenräumen der Bayerischen Verwaltungsschule Holzhausen und den von der Künstlerin applizierten Rechtecken – Leuchtkörpern, Holz-Wandstücken mit heraus
geschnitzten und linear hinein gegrabenen Vertiefungen, in horizontaler, vertikaler und schräger Platzierung – so dezent wie auflockernd geführt wird und eine wahre Herausforderung für jeden sich mit dieser Art der Architektur befassenden Künstler darstellt, hat Jusha Mueller geradezu schulbildend gelöst.

All diese Interventionen der autodidaktischen und wohl deshalb so authentischen Künstlerin, kulminieren in dem monumentalen Altarbild für Schondorf. Diesem 12-teiligen, Zahlen- und lithurgische Farbensymbolik in seiner Streifenkomposition entfaltenden Werk, gelingt mehr als das von der Künstlerin sonst immer wieder neu gesuchte Einfangen und Spiel mit Licht und seinen Schwingungen im Raum.

Dr. Elmar Zorn
Kunstpublizist, Kurator, Hochschuldozent